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"Nachgefragt" bei Ulrich Land

© 2020 KaMeRu Verlag Zürich und Ulrich Land

1. Wann schreiben Sie am liebsten und am besten, zu welcher Tages- bzw. Nachtzeit?

Ich fange morgens zu unchristlich früher Zeit an, so gegen 7.3o Uhr. Dann geht's mit einem halben Stündchen Mittagspause munter voran. In früheren Zeiten konnte es auch durchaus mal bis 23.oo Uhr in einem Rutsch durchgehn, inzwischen fällt mir um 2o.oo Uhr der Stift aus der Hand bzw. die Stirn auf die Tastatur. Nachts also ist mit mir schreibereimäßig nichts, aber auch überhaupt gar nichts los. Am produktivsten sind, würde ich mal behaupten, tatsächlich die Morgenstunden, wenn's also taufrisch ans Werk geht. Am allerbesten allerdings flutscht es im Zug, wenn die Welt an mir vorbeirauscht und mich sämtliche Computer mal können, und zwar so was von!

2. Mit welchem Werkzeug schreiben Sie?

Auch da bin ich voll auf der Spießerseite unterwegs. Ich schreibe am liebsten mit Füller. Jedenfalls dann, wenn es sich um literarische, also vor sich hin fabulierende (nicht-journalistische) Texte handelt. Und zwar mit einem guten, alten Kolbenfüller. Montblanc sogar. Hört sich zwar so an, ist aber meines Wissens kein Schweizer Fabrikat. Dafür hab ist das gute Stück aber bereits seit über 30 Jahren in Gebrauch, und es ist immer noch wacker unterwegs. Mein erster Literaturpreis übrigens. Ergattert bei den Wuppertaler Literaturtagen anno 1989. Jedenfalls fließen bei ihm die Wörter und Sätze nur so aus der Feder. Die Montblanc-Magie. Man kann auf den Spalt in der Federspitze schauen und dem Schreibfluss zusehn. Na gut, zugegeben: fast.

3. Wie steht's um das kreative Chaos?

Wie sieht's auf und unter Ihrem Schreibtisch aus? Schon wieder als Spießer ertappt. Ich bin ein Pingel. Was Ordnung anlangt. Mein Problem nämlich ist: Ich kann zwar suchen, aber nicht finden. Auf den Tod nicht. Deshalb achte ich peinlich genau darauf, dass alles an seinem angestammten Platz ist und bleibt bzw. wieder dorthin zurückmarschiert. Die Ordnung und Anordnung in meinen Bücherregalen zum Beispiel hat schon, ich glaube, 11 Umzüge ungeschoren überstanden bzw. wurde am neuen Ort genauso wiederhergestellt. Und Kuliminen, Bleistiftspitzermesserchen und Mikrofonadapter finde ich auf Anhieb. Wetten? Trotzdem würde meine Mutter die Hände überm Kopf zusammenschlagen [s.u.].

4. Was für ein Verhältnis hegen Sie in Ihrem Arbeitszimmer zum Staubsauger? Und Staubtücher - können Sie die ausstehen? Insbesondere, wenn sie provokant durch die Bude schweben und behaupten, die Bücherregale hätten's mal wieder nötig.

Eben weil ich so gar kein Problem mit Staub habe, würde meine Mutter Zustände bekommen. Sie hat einmal im Jahr in unserem Wohnzimmer seinerzeit jedes Buch – und derer gab es zahllose – aus dem Regal genommen und mit dem Staubsauger bearbeitet. Das ist mir in den Jahrzehnten, seit ich über meine Privatbibliothek verfüge, noch nie widerfahren. Und auch auf den Regalen mit meinen Schreibwarenvorräten, meinem Radioequipment, meinen Stehordnern bildet sich ganz langsam, ganz allmählich ein heimelig unheimlich wattiger Pelz aus vertraut verschlafenen Staubflusen, die meinen Krempel in einen vornehmen Schleier hüllen, der nur kurz zur Seite gewischt wird, wenn ich an den Klammeraffen muss, ans grüne Tintenfässchen, an die holländischen Kaffeebonbons. Dementsprechend macht der Staubsauger geflissentlich einen großen Bogen um mein Arbeitszimmer, findet grade rechtzeitig immer noch eine Abzweigung und ein anderweitiges Betätigungsfeld. Und auch das Staubtuch darf sich nur dann in Gang setzen, wenn ich drohe, an Hustenanfällen von corona-viralen Ausmaßen zu ersticken. Spätestens jetzt, wo mir das Finanzamt die Reinigungspauschale fürs Arbeitszimmer aberkannt hat. Vor zehn Jahren allerdings, als ich noch wohngemeinschaftsmäßig in einem integrierten Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer wohnte, brachte ich den Staubsauger durchaus öfter zum Einsatz – immer dann, wenn sich Damenbesuch ankündigte.

5. Brauchen Sie für die Inspiration beim Schreiben eine entsprechende Dröhnung Rotwein?

Nöö. Ich trinke sowieso sehr wenig Alkohol, und wenn. dann nur in Gesellschaft. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals ein Glas Wein auf dem Schreibtisch stehn gehabt zu haben. Rotwein schon mal überhaupt nicht, der schmeckt, finde ich, immer irgendwie nach Rinde. Und auch sonst bin ich ziemlich drogenclean. Ich berausche mich, solang ich denken kann, an Landschaften. Ganz Geograph [s.u.]. Deshalb auch die Schreiblust im Zug [s.o.], wenn die Landstriche wie im Flug vorbeizischen oder – auch sehr gerne! – vorbeiruckeln. Eines meiner glücklichsten Schreiberlebnisse, das werd ich nie vergessen, war in der Mongolei, als ich mit dem Rücken an eine Nomadenjurte gelehnt, stundenlang vor mich hingeschrieben hab und einfach meine Augenblicke zu Papier gebracht hab. Wenn das kein Rausch ist!

6. Wann sind Sie mit Ihren eigenen Texten zufrieden? Gibt's da definierte Kriterien?

Tja, das weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich viel zu schnell, viel zu früh. Ich bin mir sicher, dass es zum Schreiben – neben ein paar anderen Utensilien – vor allem des Muts bedarf, erstens. Und zweitens, genauso wesentlich: der Selbstkontrolle, also des schonungslosen, jeder Eitelkeit abschwörenden Korrekturlesens. Und ich weiß doch, dass ich's irgendwie immer prima finde, was mir da aus dem Füller geflossen ist. Was natürlich tückisch ist. Also versuche ich immer wieder, gegen das Leiden eben dieses selbstverliebten Schreibstolzes anzukämpfen. (Auch jetzt.) Was mir selten gelingt. (Auch jetzt nicht.) LektorInnen, RedakteurInnen und DramaturgInnen sind also eine verdammt wichtige Spezies in meinem Kosmos. Und ich liebe es, werkstattmäßig mit dem Sachverstand hinter anderer Leute Stirn an meinen Texten rumzuhirnen und ihnen mehr und mehr Leben und Fahrtwind einzuhauchen. Gesetzt den Fall natürlich, diese Gegenleserinnen streicheln hinreichend meine Selbstzufriedenheit und finden den Text natürlich schon mal von vornherein sowieso gut und bestens und einfach großartig und sofort so druckbar, möchten bloß die eine oder andere Kleinkorinthe kacken. und würden vorschlagen und regen an und könnten sich allenfalls vorstellen, dass …

7. War für Sie die Schreiberei jemals eine Art Brautwerbung, also Mittel zu dem einen Zweck der Zwecke?

Die erste Geschichte meines Lebens, die ich unabhängig von irgendwelchen schulischen Aufgaben zu Papier brachte, galt ganz dezidiert meiner ersten großen Liebe. Sie wollte ich beeindrucken, ganz klipp und ganz klar. Es ging um die Faszination des Ausblicks von einem kleinen einsamen Boot, wenn drumherum nur Wasser zu sehn ist, vom einen bis zum andern Horizont. Weiß ich noch wie heute. Die Geschichte ist leider verschollen, und die große Liebe verflossen. – Keine Ahnung, ich glaube, da darf man sich keine Illusion machen: Das Thema Brautwerbung macht (mindestens) 75% der Motivation für alle Literatur dieser Erde aus. Natürlich gilt auch Bräutigamwerbung. Und selbstredend gilt's auch dann, wenn man glücklichst verheiratet oder anderweitig liiert ist. Und natürlich geht es nicht (in erster Linie) um Sex, sondern um Anerkennung. Oder sagen wir: ums Geliebt-werden-Wollen. Psychoanalytisch eine Binsenweisheit (Arbeit ist verdrängte Sexualenergie), deren Richtigkeit zu bestreiten, ich nicht wage. Aus ureigenster Anschauung.

8. Wer ist Ihr größter »Gegner«?

Das Seitenende. Ganz grundsätzlich gilt natürlich: Man kann einfach nicht so schnell schreiben, wie man denkt. Aber es gibt definitiv nichts Blöderes, als wenn man einen Gedanken im Kopf hat, den man noch schnell festhalten will – aber auf welches Papier? Wenn es denn schlicht voll und zu Ende ist, beim besten Willen kein Quäntchen Platz mehr zu bieten hat. Wenn's plötzlich erforderlich ist, aufzustehn, sich zum Papiervorrat durchzuschlagen, eine neue Packung aufzureißen. Womöglich sogar neues Papier einzukaufen! Aber schon das bloße Umblättern reicht dem alles entscheidenden Gedanken mitunter, sich im Handumdrehn zu verflüchtigen, sich aus dem Staub des Schreibtischs zu machen und nicht mehr, nie mehr gesehn zu werden. Ich weiß nicht und ich will auch nicht wissen, wie viele glorreiche Ideen, brillante Sätze, ausgefuchste Formulierungen auf diese Weise bereits verschütt gegangen sind, die mich wahrscheinlich, nein, mit Sicherheit in den Stand eines weltberühmten Literaten versetzt hätten. Hätten.

9. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn nicht Schriftsteller?

Nichts. – Pauker vielleicht. Zumindest stand der Entschluss in jüngsten und jungen Jahren fest. Nachdem ich mich von meinem eigentlichen Berufswunsch verabschiedet hatte, die Sami (die man zu jener Zeit noch Lappen nannte) zum katholischen Glauben bekehren zu wollen; als ich nämlich begreifen musste, dass schon jemand vor mir da war. Dass nämlich die Rentiernomaden längst dem Schamanismus (bis auf wenige Spurenelemente) abgeschworen hatten und zum Protestantismus konvertiert waren bzw. durchaus unsanft abgeschworen und konvertiert worden waren. Seitdem also wollte ich Werklehrer werden. Und meine Ausbildung bis zum Zweiten Staatsexamen lief denn auch sturheil auf einen Deutsch- und Erdkundelehrer hinaus. Wiewohl ich zu jener verlorenen Lehrergeneration gehöre, die in den frühen Achtzigern auf Deibel komm raus keine Stelle bekamen, weil (angeblich) zu viele Ältere unserer Sorte in Amt und Würden waren. Ich fand als einer der ganz wenigen jener Lehrerjahrgänge gleichwohl eine Anstellung an einer kleinen antiautoritären Schule in der Berliner Alternativszene. Aber die Schreiberei ging seit den Tagen der genannten Liebeshorizontegeschichte unverdrossen, mehr oder weniger im Geheimen weiter, sozusagen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Bis ich irgendwann meine erste große Radiosendung in trockenen Tüchern hatte. Von da an machte ich mein Hobby – das Schreiben – zum Beruf, und meinen Beruf zum Hobby. Ich unterrichtete noch jahrelang ehrenamtlich an einer Freien Schule in Wuppertal und heutzutage von Zeit zu Zeit (wenn auch nicht mehr ehrenamtlich) an zwei, drei Unis kreatives Schreiben. Also ganz hab ich den Lehrer nicht über Bord geschmissen.

10. Können Sie den folgenden Satz, den ich vor Kurzem gelesen habe, beenden /ergänzen? »Wenn Humor auf eine Realität trifft, in der es nichts zu lachen gibt, dann ist es…«

»Wenn Humor auf eine Realität trifft, in der es nichts zu lachen gibt, dann ist's Corona-Time.«

 

von Ulrich Land (Kommentare: 0)

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